Crossing Borders: Transdisciplinary Approaches in Regional Development

Crossing Borders: Transdisciplinary Approaches in Regional Development

Grenzraum
Österreich
Sprache(n)
Englisch
Einleitung

Ulli Vilsmaier beschreibt anhand eines transdisziplinären Forschungsprojektes zur Regionalentwicklung in Oberpinzgau, Österreich, wie durch transdisziplinäre Forschungsansätze Partizipation in der Regionalplanung gefördert werden kann und wie dadurch epistemische Grenzen durchbrochen, Kooperation verbessert und verschiedene Wissensbereiche gleichwertig in die Definition von Problemen und die Konzeption von Lösungen integriert werden können.

Zusammenfassung

Die Transdisziplinäre Forschung ist ein grenzüberschreitender Prozess, der eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft baut. Seit den 1990er Jahren gilt diese neue Forschungsmethode als Ansatz um Komplexität zu untersuchen und neue Formen von Wissen zu produzieren. Auch im komplexen Feld der Regionalplanung und Entwicklung gilt dieser Forschungsansatz als vielversprechend, da er der Forderung nach öffentlicher Partizipation nachkommt und durch seine grenzüberschreitende Herangehensweise viele unterschiedliche Perspektiven und Positionen integrieren kann. Am Beispiel einer experimentellen transdisziplinären Forschung zur Regionalentwicklung der Oberpinzgauer Region in Österreich verdeutlicht Vilsmaier das Konzept und die Methodik der transdisziplinären Forschung sowie deren Mehrwert für die Raumplanung und Raumentwicklung.

Inhalt

Vilsmaier gibt zunächst einen kurzen Überblick über das Konzept der transdisziplinären Forschung und arbeitet dann deren Nutzen für die Regionalplanung heraus. Anschließend illustriert sie die Vorgehensweisen, Stärken und Herausforderungen der transdisziplinären Forschung an einem Projekt zur Regionalentwicklung im Oberpinzgau, Österreich.

Transdisziplinäre Forschung wird seit den 1990ern als Methode im Umgang mit Komplexität und der Lösung realweltlicher Probleme diskutiert. Der Forscungsansatz wird meist genutzt um menschliche Interaktion mit natürlichen Systemen zu untersuchen und gemeinsam Probleme und Lösungen zu identifizieren. Transdisziplinarität zielt darauf ab, neue Formen von Wissen zu produzieren, wobei wissenschaftlich produziertes Wissen gleichwertig neben anderen Formen von Wissen und Kognition stehen und auf konkrete realweltliche Kontexte angewandt werden soll. Die Herausforderung besteht einerseits darin, anzuerkennen, dass Wissenschaft nicht die einzige und höherwertige Form der Wissensproduktion ist, sondern eingebettet in ein Gesamtsystem von kulturell geprägten Formen der Kognition und anderseits darin, eine Basis für gegenseitiges Lernen und heterarchische Wissensintegration zu schaffen. Erfolgreiche transdisziplinäre Forschung hängt von den Einstelllungen der ForschungspartnerInnen ebenso wie von der Selbstreflexion und dem Willen zum gegenseitigen Lernen ab.

Die Regionalplanung ist ein sehr komplexes Feld, in das unterschiedliche Akteure hineinwirken. Der fehlende Erfolg in der Transformation von Regionen aufgrund der mangelnden Integration von BewohnerInnen, lokalen und regionalen Autoritäten und Meinungsführern führte zu einer Wende in der Methodologie auf unterschiedlichen Ebenen. Die EU führte das Prinzip der Subsidiarität ein und öffentliche Partizipation wurde seit den 1990ern zum Status quo in Planungsprozessen. Transdisziplinäre Forschung versucht die Partizipation in Planungsprozessen zu verbessern und konzipiert Forschungsfragen auf vier verschiedenen Ebenen: der empirischen, der pragmatischen, der normativen und der wertebasierten.

Transdisziplinäre Ansätze in der Regionalentwicklung fungieren als heterarchische Kommunikationsnetze, in denen Kooperation und gemeinsame Teilhabe gefördert wird, wobei einzelne Beiträge als komplementär zu betrachten sind. In der Forschung müssen akademische und gesellschaftliche Grenzen überquert werden. Als Beispiel wird eine transdisziplinäre Forschung zur nachhaltigen Regionalentwicklung in der Oberpinzgauer Region in Österreich angeführt. In dieser experimentellen Studie kamen WissenschaftlerInnen, Studierende, VertreterInnen verschiedener Ministerien und Ämter sowie die lokale Bevölkerung der Region zusammen, um gemeinsam transdisziplinäre Forschungsfragen zu entwickeln, ein Forschungsdesign aufzustellen, Probleme zu identifizieren und gemeinsam an Lösungen für die Zukunft der Region zu arbeiten. Ein transdisziplinärer Lenkungsausschuss wurde gebildet, der die Forschung entwarf und begleitete. Später wurden gemäß der sechs erstellten Forschungsfragen sechs Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit den jeweiligen Themen befassten. Es wurden vier Prinzipien, an denen sich die Forschung orientieren sollte, beschlossen: Multiperspektivität, Herstellung eines gemeinsamen Problemverständnisses und Definition der Forschung, geteilte Verantwortung für Entscheidungen und Urheberschaft für Ideen sowie Entwicklung von transparenten Kommunikations- und Arbeitsstrukturen. Dabei wurde stets eine „systematic in-betweenness“ (41) von Positionen gefördert, um alte Grenzen des Denkens aufzubrechen. Am Ende konnten einige Ideen für die Regionalentwicklung umgesetzt werden.

Fazit

Durch transdisziplinäre Forschung in der Regionalplanung und -entwicklung eröffnet sich ein neues Feld der trans-akademischen Zusammenarbeit. Mit Menschen zu arbeiten und sie nicht zu Forschungsobjekten zu machen, bedeutet gewohnte Methoden und Paradigmen neu zu ordnen und alte Gewohnheiten und Attitüden abzulegen. Durch diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit müssen eigene Forschungstraditionen kritisch reflektiert werden. Gleichzeitig eröffnen sich neue Einblicke in multiple Wissensbereiche, die anders nur schwer gewonnen werden können. WissenschaftlerInnen und nicht-AkademikerInnen können sich auf einer gleichwertigeren Ebene begegnen und gemeinsam Problemstellungen sowie Lösungen entwickeln. Partizipation im Planungsprozess kann durch transdisziplinäre Forschung selbstbestimmter und demokratischer gestaltet werden, wobei Hierarchien verringert werden. Dennoch bleiben durch Machtasymmetrien und akademische sowie soziale Barrieren gewisse Differenzen und Ungleichheiten bestehen, die Herausforderungen für transdisziplinäre Forschung und ihre Methoden darstellen. So gibt es einige transdisziplinäre Methoden, die einfacher und schnell umzusetzen sind. Andere jedoch benötigen oft konstante Kommunikation und steten Austausch unter den heterogenen Beteiligten.

Kernaussagen
  • Transdisziplinäre Forschung in der Raumplanung und Regionalentwicklung ermöglicht es dem regionalplanerischen Anspruch an öffentliche Partizipation gerecht zu werden und zu einer gemeinsamen Definition von Problemen, Zielen und Lösungsansätzen zu kommen
  • Transdisziplinäre Forschung erlaubt es Komplexität zu begegnen, Wissenschaft und Gesellschaft integrativ und gleichwertig in Projekte mit einzubinden und so neues gemeinsames und multiperspektivisches Wissen zu produzieren
  • Transdisziplinäre Forschung erfordert das Überwinden von akademischen, disziplinären, epistemischen und sozialen Grenzen und verlangt Selbstreflexion sowie die Bereitschaft zum gegenseitigen Lernen und der Anerkennung von verschiedenen Wissensformen als heterarchisch und komplementär

 

Leitung

Ulli Vilsmaier

Verfasser des Eintrags
Ansprechpartner

Ulli Vilsmaier

Fonction
Verwaltung der Professur für transdisziplinäre Methoden
Organisation
Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland
Erstellungsdatum
2018
Datum
Erschienen in
Environmental Conservation, 2010, Vol.37(4), pp.419-431
Identifikationsnummer

DOI:10.1017/S0376892910000810

ISSN: 0376-8929

E-ISSN: 1469-4387