Territoriale Dynamiken in der Großregion: Im Gespräch mit Oleksiy Kiryukhin

Oleksiy Kiryukhin

Territoriale Dynamiken in der Großregion: Im Gespräch mit Oleksiy Kiryukhin

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Oleksiy Kiryukhin, ehemaliger Direktor des Ukrainisch-Französischen Universitätszentrums der V. N. Karazin-Nationaluniversität Charkiw, kehrte im November und Dezember 2025 als UniGR-CBS-Fellow an die Universität des Saarlandes und damit in die Großregion zurück. Aufbauend auf seiner früheren Zusammenarbeit mit der Universität Lüttich im Jahr 2021 mit Quentin Michel und Sylvain Marbehant sowie auf seiner anschließenden Tätigkeit an der Universität Luxemburg vertiefte er einen methodischen Ansatz zur Analyse grenzüberschreitender Programme und territorialer Dynamiken in der Großregion. Im Interview mit dem UniGR-CBS erläutert Oleksiy Kiryukhin seinen Ansatz und ordnet ihn in aktuelle Debatten zu territorialem Zusammenhalt, grenzüberschreitender Governance und Nachhaltigkeit ein.
 

Welche Forschungsaktivitäten waren während Ihres Forschungsaufenthalts an der Universität des Saarlandes für Sie am wichtigsten und warum war die Großregion ein besonders relevanter Analysekontext für Sie?

Seit 2022 nehme ich regelmäßig an Konferenzen und Seminaren an der Universität des Saarlandes teil. Dies ist für mich inzwischen zu einer festen Tradition geworden. Dort arbeitet ein Team von Forschenden mit ausgewiesener Expertise in den Border Studies unter der Leitung von Frau Professorin Astrid M. Fellner. Ende 2025 hatte ich das Privileg, ein UniGR-CBS-Fellowship zu erhalten, das es mir ermöglichte, meine Forschungen zu grenzüberschreitenden Kooperationsprogrammen in der Großregion fortzusetzen.

Diese Arbeiten mündeten in der Veröffentlichung eines UniGR-CBS-Arbeitspapiers zur Anwendung der Theorie dynamischer Systeme auf INTERREG-Programme, wobei die Großregion als Fallstudie diente. Der Ansatz zielt auf eine Ex-ante-Bewertung territorialer Auswirkungen grenzüberschreitender Kooperationsprogramme und wurde in dieser Form erstmals auf Fragestellungen der Border Studies angewendet. Er eröffnet Perspektiven nicht nur für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Großregion, sondern auch für andere INTERREG-Räume, etwa den Oberrhein. Darüber hinaus ist er für das Verständnis und die Weiterentwicklung Europäischer Verbünde für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) relevant, die eine wichtige Rolle für die Dynamik grenzüberschreitender Interaktionen innerhalb der Europäischen Union spielen.

Das UniGR-CBS-Fellowship ermöglichte es mir zudem, grenzüberschreitende Resilienz in der Großregion auf Grundlage der Kooperationsergebnisse aus dem Programmplanungszeitraum 2014-2020 zu modellieren. Zugleich bot es die Möglichkeit, eine große Menge wissenschaftlichen Materials zu systematisieren, etwa Artikel, Monografien und Beiträge von internationalen Konferenzen. Dies hat mich darin bestärkt, meine Arbeit in der Großregion fortzusetzen und die DyTIA-Methodik weiter auszubauen. Langfristig soll sie sich als Arbeitsinstrument für die Abschlussphase der INTERREG-NEXT-Programme und idealerweise auch für den Programmplanungszeitraum 2028-2034 durchsetzen.

De gauche à droite : UniGR-CBS et EMN Conférence 2025: 40 ans de Schengen et Séminaire ESPON à Gdansk © Oleksiy Kiryukhin 

Von links nach rechts: UniGR-CBS und EMN-Konferenz 2025: 40 Jahre Schengen und ESPON-Seminar in Danzig © Oleksiy Kiryukhin 


Sie hatten bereits 2021 mit dem UniGR-CBS zusammengearbeitet, bevor Sie an die Universität Luxemburg kamen. Wie hat dieser längere Werdegang Ihre Sicht auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Großregion geprägt?

Meinen ersten Kontakt zur Universität Luxemburg hatte ich 2018 anlässlich der Auftaktkonferenz des INTERREG-Projekts zur Gründung des UniGR-Center for Border Studies. Im Jahr 2021, als ich als UniGR-CBS-Fellow an der Universität Lüttich tätig war, kehrte ich dorthin zurück, um meine Forschungen zur Theorie dynamischer Systeme und zur grenzüberschreitenden territorialen Entwicklung vorzustellen. Damals beruhte die territoriale Folgenabschätzung noch weitgehend auf der statistischen Auswertung abgeschlossener Programme und Projekte. Eine dynamischere Perspektive auf territoriale Entwicklung wurde erst später in den Leitlinien der Europäischen Kommission zur Resilienzanalyse (2023) skizziert.

Diese Entwicklung bestärkte mich darin, mich gezielt auf die Dynamik grenzüberschreitender Interaktionen zu konzentrieren und die Akkumulation eines entstehenden Mehrwerts der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu modellieren, ohne dabei die allgemeine Stabilität grenzüberschreitender Systeme aus dem Blick zu verlieren. Die Großregion stellt für eine solche Forschung ein exzellentes Untersuchungsfeld dar, da ihre territoriale Ausdehnung und Bevölkerungsgröße dafür geeignet ist und sie zugleich enge grenzüberschreitende Verflechtungen zwischen vier Staaten aufweist.

Aufgrund der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 und meiner erzwungenen Flucht aus Charkiw wurde meine Arbeit an der Universität Lüttich und der Universität Luxemburg zwar unterbrochen, jedoch nur für den kurzen Zeitraum von sechs Monaten.

Die Großregion steht heute vor Herausforderungen, die sowohl die Entwicklung angrenzender Gebiete auf kommunaler Ebene betreffen als auch den wachsenden externen Druck in den Bereichen Migration, Ökologie und Energiesicherheit. Aus Sicht der Resilienztheorie dynamischer Systeme sollten diese Fragen ganzheitlich bearbeitet werden, insbesondere durch Modellierungen und Ex-ante-Bewertungen der potenziellen Auswirkungen des INTERREG-Programms. In diesem Zusammenhang erweitert das Programm seinen Aktionsradius durch die Einrichtung grenzüberschreitender Funktionsräume in besonders sensiblen Gebieten.


Parallel zu Ihrer Arbeit am UniGR-CBS haben Sie das LURN unterstützt, ein Netzwerk zur Förderung ukrainischer Forschender in Luxemburg und darüber hinaus. Welche Rolle hatten Sie innerhalb des LURN und wie hat sich dieses Engagement auf Ihre Arbeit in die Großregion ausgewirkt?

Die Entscheidung der Universität Luxemburg, im August 2022 ein Programm für ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben zu rufen, legte den Grundstein für die Einrichtung des „Luxembourg-Ukraine Research Network (LURN)“. Die zunächst informellen Kontakte zwischen Forschenden entwickelten sich rasch zu einem tragfähigen Netzwerk, das es ihnen ermöglichte, ihre Kontakte auszubauen, fachliche Expertise zu bündeln und ihre Forschungsarbeiten im Austausch mit rund 30 eingeladenen ukrainischen Forschenden vorzustellen und zu diskutieren.

Im Jahr darauf formalisierten wir diese Struktur durch die Einrichtung von Arbeitsgruppen und die Wahl zweier Ko-Vorsitzender, eines luxemburgischen und eines ukrainischen. Auf der Generalversammlung des LURN im Juli 2023 wurde ich zum Geschäftsführer gewählt. Zu meinen Aufgaben gehörten die Organisation regelmäßiger Treffen und der weitere Ausbau des Netzwerks. Seitdem hat sich die Beteiligung auf weitere Universitäten ausgeweitet, und neue Arbeitsgruppen wurden gegründet, insbesondere in den Bereichen Europarecht und Kultur. Unterstützt wird das LURN unter anderem durch einen Newsletter, eine eigene Webseite und regelmäßige Beiträge auf social media. Am 13. Februar 2026 stellte ich die Arbeit des LURN gemeinsam mit Dr. Inna Ganschow, beim französisch-ukrainischen Hochschulforum in Metz vor.

Derzeit bereiten wir ein Projekt vor, um die Aktivitäten des LURN im Rahmen der Universität der Großregion auszuweiten. Die Universität der Großregion unterstützt Innovationen in diesem Bereich aktiv und möchte ihre Kontakte zu ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weiter ausbauen, wie dies auch die Universität des Saarlandes bereits tut.

Das LURN vertritt derzeit ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Luxemburg vorübergehenden Schutz suchen, und pflegt über das ukrainische Bildungsministerium Kontakte zu Gruppen der ukrainischen Wissenschaftsdiaspora in anderen EU-Ländern, insbesondere in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Zu unseren Vorhaben für 2026 gehören die Veröffentlichung eines Sammelbands zur wechselseitigen adaptiven Resilienz der Ukraine und der EU sowie ein gemeinsames Forschungsprojekt mit luxemburgischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Atelier du réseau LURN © Oleksiy Kiryukhin 

Workshop des LURN-Netzwerks 2025 © Oleksiy Kiryukhin


Während Ihres Aufenthalts in der Großregion haben Sie an vielzähligen Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen teilgenommen. Inwiefern haben die Begegnungen Ihre Arbeit bereichert?

Diese Begegnungen waren wesentlicher Bestandteil meines Aufenthalts in der Großregion. Sie boten mir vor allem die Möglichkeit, Forschende kennenzulernen, deren Arbeiten ich bereits gelesen hatte, die ich aber noch nicht persönlich getroffen hatte. Solche Begegnungen sind stets inspirierend und geben neue Impulse für wissenschaftliche Kreativität. Zugleich ermöglichten sie es mir, Kontakte zu  ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wieder aufzunehmen, neue Projekte kennenzulernen und meine eigenen Forschungsansätze mit den großen europäischen Entwicklungen abzugleichen.

Von besonderer Bedeutung waren Veranstaltungen, wie die Generalversammlungen der MOT und der AGEG sowie die Foren des Ausschusses der Regionen, aber auch die Fachkonferenzen und spezialisierten Workshops. Insgesamt konnte ich in diesem Zeitraum an mehr als 40 internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen in 13 europäischen Ländern teilnehmen. Hervorheben möchte ich insbesondere die Rolle meiner Kolleginnen und Kollegen des UniGR-CBS. Ohne ihre Unterstützung wäre diese dreijährige wissenschaftliche Arbeit nicht möglich gewesen. Für ihre kontinuierliche Unterstützung und Inspiration gilt ihnen mein besonderer Dank.

Auch wenn sich das Ende meines Aufenthalts in der Großregion abzeichnet, werden mir die Verbundenheit mit der Natur dieser Region, der Respekt gegenüber meinen Kolleginnen und Kollegen sowie die Bewunderung für ihre Professionalität dauerhaft in Erinnerung bleiben. Die hier gesammelten Kenntnisse und Erfahrungen ermöglichen es, meine Forschung weiter fortzusetzen, unabhängig davon, wo ich ab März 2027 tätig sein werde.

De gauche à droite : Mons 2024 et Esch-sur-Alzette 2023 © Oleksiy Kiryukhin

Von links nach rechts: Mons 2024 und Esch-sur-Alzette 2023 © Oleksiy Kiryukhin


Ihr Arbeitspapier schlägt den DyTIA-Ansatz vor. Welches Problem der bestehenden territorialen Folgenabschätzung haben Sie darin adressiert und welchen Beitrag leistet die Theorie dynamischer Systeme zur Analyse grenzüberschreitender Programme?

Aufgrund meiner langjährigen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrung in der Untersuchung grenzüberschreitender Zusammenarbeit habe ich schon vor zehn Jahren den statistischen Ansatz kritisiert, der zur Analyse grenzüberschreitender Prozesse verwendet wurde. Regressionsmodelle, die auf statistischen Daten aus abgeschlossenen Projektzyklen im Rahmen grenzüberschreitender Kooperationsprogramme beruhen, bestätigen im Wesentlichen lediglich die erzielten Ergebnisse. Sie bieten jedoch kaum Möglichkeiten, Fehler zu korrigieren, die durch szenariobasierte Planung hätten vermieden oder zumindest abgeschwächt werden können.

Die Methodik der Dynamischen Territorialen Folgenabschätzung (DyTIA) wurde als Alternative zu weitgehend statischen Formen territorialer Folgenabschätzung entwickelt. Sie stützt sich auf die allgemeine Theorie dynamischer Systeme und damit auf einen anderen mathematischen Rahmen. Ziel ist es, die komplexen und nicht-linearen Dynamiken grenzüberschreitender Räume besser zu erfassen und dadurch eine vorausschauende Bewertung von Programmen zu ermöglichen.

Dieser Ansatz ist nicht grundsätzlich neu; er wurde bereits in der Biologie und in den Ingenieurwissenschaften angewendet und in einem Fall auch zur Bewertung historischer Dynamiken erprobt. Auf Fragestellungen der Border Studies und auf die Auswirkungen von Programmen auf die Entwicklung angrenzender Gebiete haben wir ihn jedoch erstmals übertragen und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Europäische Kommission gerade das neue Resilienzparadigma formulierte, das ich zu Beginn des Interviews erwähnt hatte. Besonders relevant wird diese methodische Weiterentwicklung vor dem Hintergrund der Kürzung der Mittel für die INTERREG-NEXT-Programme um 18,6 % im Zeitraum 2021-2027. Diese Entwicklung erfordert eine noch sorgfältigere und strategischere Planung, um einen möglichst hohen territorialen Mehrwert durch geeignete Maßnahmen zu erzielen.

Die Herausforderungen des aktuellen europäischen Programmplanungszeitraums (2021-2027) haben verdeutlicht, dass der Übergang zu einer umfassenderen Plattform territorialer Folgenabschätzung notwendig ist. Eine solche Plattform sollte die Modellierung sowohl der Auswahlphasen als auch des gesamten Programmplanungszeitraums und ihrer Auswirkungen auf die von INTERREG-Programmen beeinflussten Grenzgebiete einschließen.

Aus unserer Sicht kann bereits die Basisversion der DyTIA-Methodik, die auf die Bewertung von Stabilität und Resilienz grenzüberschreitender Gebiete in Planungsphasen zielt, Projektteams dabei unterstützen, sich stärker auf die langfristigen Auswirkungen ihrer Aktivitäten zu konzentrieren und dies unter Bedingungen knapperer Finanzen.

Unser Team hat zunächst einen wissenschaftlichen Artikel zur Stabilität und Resilienz von grenzüberschreitenden Gebieten verfasst, erste Ergebnisse auf drei internationalen Konferenzen diskutiert und anschließend ein UniGR-CBS-Arbeitspapier mit Modellierungsergebnissen für den vorangegangenen Programmplanungszeitraum 2014-2020 veröffentlicht. Die Weiterentwicklung der DyTIA-Methodik wird derzeit fortgesetzt. Im nächsten Schritt soll der Ansatz um zusätzliche Arbeitsschwerpunkte erweitert und in ein umfassenderes Modell überführt werden, das die Komplexität grenzüberschreitender Prozesse noch adäquater abbildet.

Christian Wille et Oleksiy Kiryukhin à l'Université du Luxembourg


Zum Abschluss dieses Interviews möchte ich meinen engen Kolleginnen und Kollegen, Christian Wille und Denise Rodrigues Marafona, meinen aufrichtigen Dank aussprechen. Ohne ihre Unterstützung wäre meine wissenschaftliche Arbeit in der Großregion nicht möglich gewesen.

Das UniGR-CBS bedankt sich für den Austausch.