Theorien - Konzepte - Begriffe


In Kürze: Die Border Studies sind spätestens seit den 2000er Jahren auch in Europa ein aufstrebendes Arbeitsfeld der Sozial- und Kulturwissenschaften. Es ist von einem Zuwachs der beteiligten Disziplinen gekennzeichnet, ebenso von einer lebhaften theoretisch-konzeptionellen Diskussion verbunden mit einer Dynamik der praktizierten Forschungsparadigmen. Mit diesem Schwerpunkt beteiligt sich das UniGR-CBS an der internationalen Fachdebatte über Analyseinstrumente, Methodologien und Konzepte der Grenzforschung. Dafür werden auf Grundlage der erzielten Forschungsergebnisse und der Rezeption aktueller Theorieentwicklungen konzeptionelle Blindstellen herausgearbeitet, eigene Theoretisierungen erprobt und analytische Neuentwicklungen vorgelegt.


 

Spätestens seit den 2000er Jahren bilden die Border Studies auch in Europa ein interdisziplinäres Arbeitsfeld der Sozial- und Kulturwissenschaften. Es ist nicht nur von einem Zuwachs der beteiligten Disziplinen, einem Wechsel der praktizierten Paradigmen gekennzeichnet, sondern zugleich von einer fortschreitenden Institutionalisierung und Binnendifferenzierung. Diese Dynamik geht sowohl auf wissenschaftstheoretische Wenden (z.B. cultural turn, spatial turn, pratice turn, material turn) als auch wissenschaftspolitische Schwerpunktsetzungen (z.B. Migration, Diversität, Kohäsion) zurück, die mit jüngsten gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa im Zusammenhang stehen (z.B. Wachstum, Sicherheit, Integration, Populismus).

Vor diesem Hintergrund umfassen die Border Studies heute eine große Bandbreite an Forschungsgegenständen im Kontext von Grenzen, die von Beschäftigung, Bildung über Raumentwicklung und Politik bis hin zu Sprache oder Kultur reichen. Dabei hat sich auf theoretisch-konzeptioneller Ebene die Einsicht durchgesetzt, dass sich die Funktions- und Wirkungsweise von Grenzen nicht an den Zäunen am Rand von nationalen Territorien ablesen lässt, sondern Grenzen über die Untersuchung der Prozesse ihrer Einsetzung, Verschiebung, Unterwanderung etc. verstehbar werden. Diese Betrachtungsweise von Grenzen – als Prozesse ihrer Hervorbringung oder Relativierung – ist in den Border Studies spätestens seit den 2000er Jahren durch den Ansatz des bordering verbreitet.

Seine Applikation im letzten Jahrzehnt über Disziplinengrenzen hinweg zeigt allerdings, dass diese analytische Perspektive in vielen Fällen noch nicht hinreichend entwickelt ist, um die drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa und darüber hinaus tatsächlich zu verstehen. Die Kritik am bordering-Ansatz zielt auf unzureichende Konzeptualisierung und Unterkomplexität und hat in jüngster Zeit zu einer Weitung der analytischen Perspektive geführt: Sie versucht die verschiedenen Dimensionen von Prozessen des bordering sowie ihr Zusammenspiel in den Blick zu bekommen.

An dieser sich seit knapp einem Jahrzehnt vollziehenden Weiterentwicklung der Border Studies will sich das UniGR-Center for Border Studies produktiv beteiligen. Dafür wird versucht Grenz(raum)phänomene in ihrer Komplexität und Relationalität zu erfassen, um Grenzen als Resultate und Kristallisationspunkte von vielschichtigen Konfigurationen, die aus dem (situativen) Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure, Aktivitäten, Körper, Objekte, Wissen resultieren, zu konzeptualisieren.