Grenzüberschreitende Raumplanung erfahrbar machen
Grenzüberschreitende Raumplanung erfahrbar machen
Ein Gespräch mit Hélène Rouchet über ihre Promotionsarbeit
Ein zentrales Arbeitsgebiet des UniGR-CBS ist die grenzüberschreitende Raumplanung. In ihrer Dissertation analysiert Hélène Rouchet von der Universität Lüttich, inwiefern ein Planspiel für die Simulation und didaktische Nutzung grenzüberschreitender Raumplanungsprozesse geeignet ist. Im folgenden Interview spricht sie über den Kontext ihrer Forschung, die Zusammenarbeit mit dem UniGR-CBS, die wichtigsten Ergebnisse ihrer Analyse sowie den Mehrwert von Planspielen für die Ausbildung und Praxis grenzüberschreitender Raumplanung.
UniGR-CBS: Frau Rouchet, in Ihrer Dissertation befassen Sie sich mit der Ausbildung zukünftiger Raumplaner:innen sowie den Beziehungen zwischen Planungspraktiker:innen und politischen Entscheidungsträger:innen. Wie ist dieses Forschungsprojekt entstanden?
Hélène Rouchet: Ausgangspunkt waren wiederkehrende Beobachtungen aus der Planungspraxis und der Lehre. Die Raumplanung – insbesondere auf kommunaler Ebene – ist stark von Interaktionen zwischen Expert:innen, Verwaltungen und politischen Mandatsträgern geprägt. Diese Akteure verfügen jedoch über sehr unterschiedliche Kenntnisse, Rollen und Entscheidungszwänge. Darüber hinaus erfolgt die fachliche Einarbeitung der gewählten Vertreter:innen in diesem Bereich oft informell durch das Lernen im täglichen Berufsalltag, während die Praktiker:innen von spezifischen Schulungen profitieren. Dies hat mich zu der Frage geführt, wie diese komplexen Interaktionen bereits in der Erstausbildung systematisch erfasst und reflektiert werden können.
UniGR-CBS: In Ihrer Arbeit nimmt ein Planspiel einen zentralen Platz ein. Warum haben Sie sich für dieses Format entschieden?
Hélène Rouchet: Das Planspiel ermöglicht die Simulation realer Planungssituationen in ihrer ganzen Komplexität, ohne sie aus didaktischen Gründen übermäßig zu vereinfachen. Die Teilnehmenden müssen Entscheidungen in schwierigen Situationen treffen, unterschiedliche Interessen aushandeln und mit institutionellen Rahmenbedingungen umgehen. Für die Ausbildung in Raumplanung ist dieses Format besonders relevant, da es neben Fachwissen auch Handlungskompetenzen, spezifische Kommunikationsfähigkeiten und eine reflexive Haltung erfordert.

UniGR-CBS: Das Planspiel wurde während eines Ausbildungsmoduls im Rahmen der UniGR-CBS-Arbeitsgruppe Raumplanung eingesetzt. Welche Bedeutung hatte dieser institutionelle Kontext für Ihre Forschung?
Hélène Rouchet: Entscheidend war der Rahmen der Arbeitsgruppe. Er bot ein Umfeld, in dem unterschiedliche Planungssysteme, rechtliche Rahmenbedingungen und Berufskulturen aufeinandertrafen, und war somit tatsächlich grenzüberschreitend. Außerdem ermöglichte er die Zusammenarbeit zwischen Studierenden, jungen Praktiker:innen, erfahrenen Fachleuten und politischen Entscheidungsträger:innen, also auf lokaler Ebene gewählten Vertreter:innen. Diese Konstellation bereicherte nicht nur den Inhalt des Planspiels, sondern ermöglichte auch eine deutlich vertiefte Analyse der Lernprozesse. Darüber hinaus erfordert die Organisation eines solchen Ausbildungsmoduls einen erheblichen Aufwand in Bezug auf Logistik, Koordination, Moderation usw., der innerhalb der Gruppe geleistet werden muss.
UniGR-CBS: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Analyse?
Hélène Rouchet: Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass das Planspiel tatsächlich zur Entwicklung beruflicher Schlüsselkompetenzen beiträgt, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Komplexität, Unsicherheit und Verhandlungsprozessen. Die Teilnehmenden entwickeln ein besseres Verständnis für die Logik der verschiedenen Akteursgruppen sowie für die Dynamik von Planungsprozessen, die selten linear verlaufen.
Von besonderer Bedeutung ist die Phase der strukturierten Reflexion. Sie ermöglicht es, implizite Erfahrungen explizit zu machen, das Gelernte zu festigen und dessen Übertragung auf den beruflichen Kontext zu fördern. Ohne diese Reflexionsphase wäre das Planspiel zwar eine intensive Erfahrung, aber kein nachhaltiges Lerninstrument.
UniGR-CBS: Welche Rolle spielt der grenzüberschreitende Charakter der Planungssituation bei diesem Lerninstrument?
Hélène Rouchet: Der grenzüberschreitende Kontext ist extrem aufschlussreich, er wirkt wie ein Verstärker für bereits bestehende Herausforderungen. Die Unterschiede in Bezug auf Kompetenzen, Instrumente und Planungstraditionen treten besonders deutlich zutage und müssen aktiv berücksichtigt werden. Gleichzeitig wird klar, dass viele Probleme nicht mit rein technischen Ansätzen gelöst werden können, sondern auch kommunikative, institutionelle und politische Dimensionen haben. Das Planspiel macht diese Dimensionen sowohl erfahrbar als auch diskutierbar.

UniGR-CBS: Welchen Mehrwert sehen Sie für zukünftige grenzüberschreitende Raumplanungsprozesse?
Hélène Rouchet: Der Mehrwert liegt vor allem in der Qualifizierung der beteiligten Akteure. Wer früh lernt, mit Unterschieden umzugehen, Perspektiven gegenüber anderen Akteuren zu vermitteln und eine reflexive Haltung gegenüber der eigenen Rolle einzunehmen, ist besser auf reale grenzüberschreitende Planungsprozesse vorbereitet. Darüber hinaus zeigt die Forschung, dass Planspiele ein relevantes Instrument sind, um grenzüberschreitende Zusammenarbeit nicht nur zu analysieren, sondern auch aktiv zu stärken.
UniGR-CBS: Welche Perspektiven ergeben sich aus Ihrer Arbeit für Forschung und Lehre?
Hélène Rouchet: Die Dissertation spricht sich für eine systematischere Integration erfahrungsorientierter und reflexiver Lernformate in die Ausbildung von Raumplaner:innen aus. Zudem wird deutlich, dass die didaktische Forschung einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Planungspraktiken leisten kann – insbesondere in einem grenzüberschreitenden Kontext. Ich betrachte diese Promotionsarbeit daher als Einladung, die Verbindungen zwischen Forschung, Lehre und Praxis zu stärken.
Vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Informationen
Rouchet, Hélène (2025) : Formation des futurs aménageurs et relations praticiens – mandataires publics : conception et implémentation d’un module de formation. Doktorarbeit, Université de Liège. https://hdl.handle.net/2268/337567
Kontakt